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Leseprobe:

 

 

Schottland, 18. Jahrhundert

 

Die junge Frau rannte durch den Wald. Ihre Füße flogen wie die Hufe eines gejagten Rehs über das feuchte Gras. Äste peitschten in ihr Gesicht, zerrissen ihren Rock, zerkratzten ihre Beine. All das nahm sie kaum wahr. Nur die Panik, die das Blut in ihren Adern zum Kochen brachte. Weiter, weiter! Nicht aufgeben! Aufgeben bedeutete Tod, Verderben. Sie warf einen Blick über ihre rechte Schulter, doch sie konnte im Schein des Vollmonds keinen Verfolger erkennen. Sie atmete kurz durch und wischte sich mit der Hand die schweißnassen Haarsträhnen aus dem Gesicht. Weiter, weiter! Da vorn war eine Lichtung mit einer Hütte. Verlockend der Gedanke, dort Schutz zu suchen. Doch brachte das wirklich die Rettung? Oder wartete da schon ihr Jäger? Sie zögerte einen Augenblick, tauchte ab ins Unterholz. Auf einmal ein Summen, das immer lauter wurde. Mit schreckensweiten Augen starrte sie auf den Schwarm wilder Bienen, der sich vor ihr aufbaute wie eine Wolke. Sie zerrte die zerrissene Kapuze über ihren Kopf und rannte mitten auf das Gewirr von Flügeln und Körpern zu. Lieber Beute der schwarz-gelben Räuber werden, als ihrem Häscher wieder in die Hände zu fallen. Sie spürte die ersten Stiche wie glühende Nadeln, zwang sich, ein Bein vor das andere zu setzen. Lauf, Brianna, lauf! Sie glaubte, durch das Brummen der Bienen die sanfte Stimme ihrer Mutter zu hören, erinnerte sich an ihre Kindheit, die Torf-Umschläge, die angenehme Linderung brachten. Sie fühlte das kühle, regendurchtränkte Moos an ihren Füßen, schöpfte Hoffnung. Denn nur ein Fliegengewicht wie sie konnte sich auf dem moorigen Untergrund bewegen, ohne zu versinken. Sie hörte das Gemurmel des Wasserfalls von Loch Cinneamhain. Wenn sie den erreichte, war sie in Sicherheit. Dort würde sie sich in der Höhle verstecken, deren Eingang nur sie kannte. Noch ein kurzes Stück. Ihr Herz raste. Sie gelangte zu dem Fuß des kleinen Felsens, streckte ihre Arme aus, um das kühlende Nass zu berühren. Noch ein Schritt durch die Kaskade. Sie prallte gegen etwas Hartes, Unnachgiebiges. Grobe Hände packten sie an den Haaren und rissen sie zu Boden. Sie wurde in die Höhle, die ihrem Schutz dienen sollte, gezerrt und auf den Rücken geworfen.

„Hab ich dich endlich, Schätzchen.“

Sie schloss ihre Augen. Finger machten sich brutal an ihr zu schaffen. Ein stechender Schmerz durchfuhr ihren Körper, der sich verzweifelt aufbäumte. Doch sie wusste, dass sie verloren hatte.

 

 

Schottland, 21. Jahrhundert

 

Sie spielten die letzten Takte von True love blue. Es war ein Abend wie so viele – die Band, die Gäste, der überfüllte Pub – und doch ahnte Graham, dass heute etwas anders war. Er spürte ihren Blick schon seit Beginn des Konzertes und konnte sich nur mit Mühe auf sein Spiel konzentrieren. Immer wieder glitten seine Gedanken ab und hätte Alastair ihm nicht einen Rempler gegeben, hätte er sogar mehr als einmal seinen Einsatz verpasst. In der ersten Pause hatte er bereits versucht, durch die Ale trinkenden Zuschauer zu ihr zu gelangen, doch als er das hintere Ende des Raumes erreichte, war sie verschwunden. Sei kein Narr, Graham! Frauen wie die gibt es wie den Sand am Strand von Aberdeen. Aber er wusste, dass das nicht stimmte, dass diese etwas ganz Besonderes war. Schon ihr bloßer Anblick entfachte in ihm eine Leidenschaft, die heiß in seinen Eingeweiden brannte. Von der er glaubte, sie für immer verloren zu haben.

„Na, noch immer auf der Jagd?“ Alastair grinste ihn über seinen Humpen hinweg an. „Oder ist sie dir schon wieder entfleucht?“

Graham versuchte, ihn zu ignorieren.

„Soll ich dir suchen helfen?“ Sein Gegenüber tippte mit dem Zeigefinger auf die schwarze Augenklappe, die ihm den Spitznamen „der Pirat“ eingebracht hatte.

„Lass den Quatsch!“ Das fehlte gerade noch, dass Alastair sie durch eines seiner Späßchen endgültig vertrieb. „Spielen wir lieber weiter, das Publikum wird schon unruhig.“

Als die letzte Zugabe gegeben, der letzte Akkord verklungen war, leerte sich der Raum. Es war spät, nur wenige standhafte Trinker blieben zurück. Da sah er ihn, den grünen Schal, den die Unbekannte getragen hatte. Er lag auf dem Boden vor dem Schirmständer, achtlos von den Beinen der Zuhörer niedergetreten. Graham hob ihn auf, streifte den Staub ab und betrachtete ihn mit einem Anflug von Wehmut, aber auch Hoffnung. Würde sie wiederkommen, um das gute Stück zu suchen? Er roch an dem Cashmere, ihm stieg der zarte Duft von Moosröschen in die Nase. Wieder hatte er dieses Gefühl aus längst vergangenen Zeiten. Der Gedanke an eine Frau, die er geliebt und verloren hatte. Er schüttelte müde den Kopf, sog noch einmal den Duft ein und ging dann zu den anderen zurück, um seine Sachen zu packen.

 

*

 

„Zu blöd!“

Colleen stand unter der matten Straßenlaterne und sah zum wiederholten Mal an sich hinunter. Aber das änderte nichts daran. Sie hatte ihren Schal wohl im Pub liegen gelassen. Sollte sie noch mal zurückgehen? Und vielleicht auch ihn treffen? Den Spieler mit dem Horn, der sie so magisch anzog, dass der bloße Gedanke an ihn die wildesten Fantasien in ihr auslöste? Nein. Das war keine gute Idee. Sie kannte den Typen nicht einmal.

Sei doch kein kleines Mädchen, schalt sie sich. Wenn er dir gefällt, warum nicht? – Weil du nicht weißt, wem du trauen darfst.

Sie spürte, wie ihr Herz begann, schneller zu schlagen. Panisch blickte sie sich um, sah keine Menschenseele. Sie trat gegen eine leere Bierdose, die scheppernd über den Bordstein rollte. Doofe Nuss, du bist dir mal wieder selbst im Weg! Mit einem ärgerlichen Ruck zog sie ihren Mantelkragen enger zusammen und machte sich auf den Heimweg, wobei sie wie eine Motte das Licht der Laterne suchte. Endlich erreichte sie den kleinen Park. Wolkenfetzen schoben sich über den Mond, hüllten das grüne Idyll in Dunkelheit. Von Ferne hörte sie Donnergrollen. Alte Bäume standen dicht an dicht, eine Phalanx stummer Riesen, die gierig ihre knorrigen Hände nach ihr ausstreckten. Schon der Gedanke, den Park um diese Zeit zu durchqueren, sorgte dafür, dass sich ihre feinen Nackenhärchen aufstellten. Nein, das war definitiv keine gute Idee. Sie seufzte und wählte den längeren Weg, der außen herumführte. Auch wenn das bedeutete, dass sie dadurch in den Regen kommen würde. Das Klackern ihrer Schuhe gab ihr das Gefühl, real zu sein. Kein Geist, sondern die leibhaftige Colleen.

Hinter sich vernahm sie das leise Knarzen von Lederstiefeln. Sie beschleunigte, doch auch ihr Verfolger wurde schneller. Das Herz hämmerte in ihrer Brust wie ein Presslufthammer, drängte sie, zu rennen. Nein, sie würde nicht die Nerven verlieren! Wahrscheinlich war es nur ein Kneipenbesucher, der wie sie versuchte, vor den ersten Tropfen nach Hause zu kommen. Das Knarzen war jetzt ganz nahe. Sie drehte sich um, spürte, wie ihr linker Fuß ein Stück ins Leere trat. Ein Schmerz durchfuhr ihren Knöchel. Ihr blieb die Luft weg, als sie auf dem Asphalt landete. Ihre Handflächen brannten wie Feuer, ihre Knie pochten. Aber wenigstens war ihre Handtasche nicht aufgesprungen.

„Bist du okay?“

Ein besorgtes Gesicht beugte sich über sie, sie sah erst lange, dunkelbraune Haare, dann wasserblaue Augen.

„Du bist doch der Typ von vorhin, Graham mit dem Horn.“ Blöde Ansage, schalt sie sich selbst.

Er lächelte. „Ja, ich habe dich gesucht. Du hast etwas vergessen.“ Er hielt ihr ihren Schal entgegen. „Aber warte, ich helfe dir erst mal auf.“ Vorsichtig verschränkte er von hinten ihre Arme um ihren Oberkörper, fasste dann mit seinen Armen unter ihren Achseln durch und zog sie behutsam nach oben. Als sie wieder stand, hielt er sie noch ein paar Augenblicke fest. „Der Rettungsgriff“, flüsterte er mit rauer Stimme in ihr rechtes Ohr. Dann entließ er sie aus seiner wärmenden Umarmung, was sie insgeheim bedauerte. „Darf ich dir deinen Schal umlegen? Er ist zwar noch ein bisschen staubig, aber er schützt dich vor dem Wind.“

„Sehr gern.“

Er drapierte den Stoff mit flinken Händen um ihren Hals und berührte dabei wie aus Versehen ihre rechte Wange, die daraufhin zu glühen begann.

„Das Rot steht dir gut, es passt zum Schal.“ Er grinste. „Wie ein saftiger Apfel. Zum Anbeißen.“

Sie war sicher, dass sich nach seinen Worten auch auf ihrer linken Wange ein Apfel abzeichnete, und musste über sich selbst grinsen. Normalerweise hasste sie es, wenn ihre Gesichtsfarbe ihre Gefühle widerspiegelte, aber in Grahams Gegenwart genoss sie es sogar.

Graham blickte zum Himmel und sein Grinsen verwandelte sich in ein fürsorgliches Lächeln. „Es fängt bald an zu regnen. Wir sollten sehen, dass wir ein Dach über den Kopf bekommen.“

Sie versuchte, einen Schritt zu gehen, doch ihre Knie zitterten und sie wäre wieder gestürzt, wenn Graham sie nicht mit seinen starken Armen sanft aufgefangen hätte.

„Warte, ich rufe ein Taxi.“ Seine Rechte glitt in seine Jackentasche, doch Colleen hielt ihn zurück, wollte seine Nähe noch ein wenig auskosten. „Es ist nicht mehr weit, vielleicht noch fünf Minuten. Und die Frischluft tut mir gut.“

„Dann musst du mir aber erlauben, dich nach Hause zu geleiten. Nicht, dass du noch unter die Räder kommst.“ Galant bot er ihr seinen Arm. Dankbar hakte sie sich bei ihm unter. Sein Ärmel roch angenehm männlich nach Sandelholz, Bergamotte und Tabak, ein Geruch, der eine prickelnde Mischung aus Abenteuer und Geborgenheit versprach.

„Na, was verrät dir dein kleines Näschen?“ Er blickte sie mit einem verschmitzten Lächeln an. Colleen spürte, dass sie schon wieder rot anlief.

„Ich, ich musste nur etwas Luft holen.“

Sein Lächeln wurde noch eine Spur breiter.

Colleen drehte demonstrativ ihr Gesicht weg. Das war ihr schon lange nicht mehr passiert. Sie verhielt sich ja wie ein Schulmädchen bei seinem ersten Date. Und das, obwohl sie noch nicht mal eins hatte. Bis jetzt.

„Gleich sind wir da.“ Sie deutete auf das geklinkerte Häuschen, das sich zwischen seine Zwillinge schmiegte. Bist du irre?, schalt sie ihre innere Stimme. Zeigst dem Typen auch noch, wo du wohnst? Dass du scharf auf ihn bist, muss ja nicht bedeuten, dass er keine bösen Absichten hat. Und was ist eigentlich mit Donald?

Wie um sie abzukühlen, klatschte der erste dicke Regentropfen auf ihr Gesicht. Doch er erinnerte sie auch an Donalds Berührungen, die im Lauf der Zeit immer kälter geworden waren. Sie sehnte sich nach körperlicher Nähe, nach Zärtlichkeit. Und Donald war eh mal wieder auf einer seiner Geschäftsreisen. Und sollte sie ihren charmanten Helden mit dem Horn wirklich im Regen stehen lassen?

„Darf ich meinen Retter noch auf einen Kaffee einladen?“

Wieder dieses unwiderstehliche Lächeln. „Aber gern doch.“ Er half ihr die Stufen bis zur Haustür hinauf und sie ließ ihn gewähren, da ihr Knöchel langsam begann, sie schmerzhaft an ihren Sturz zu erinnern.

Oben angelangt griff sie nach ihrer Tasche, doch da stieß Graham schon die Tür auf. Normalerweise ärgerte sie sich über die Gedankenlosigkeit der Mitbewohner, die nicht absperrten, aber jetzt war sie froh, dem Regen entkommen zu sein. Sie humpelte die drei Schritte zum Aufzug und betätigte die Ruftaste. Wenig später kündigte ein Sirren die Ankunft des Fahrstuhls an. Die Tür öffnete sich mit einem Zischen und sie betrat, gefolgt von Graham, die enge Kabine. Sie drückte auf die 2, wieder ein Zischen und das Gefährt setzte sich träge nach oben in Bewegung.

Sie spürte die Hitze von Grahams Atem in ihrem Nacken. Was hätte sie jetzt darum gegeben, dass der Aufzug plötzlich zwischen zwei Etagen stehen blieb – aber das tat er ja immer nur dann, wenn sie gerade in Eile war. Die 2 leuchtete auf, gefolgt von einem erneuten Zischen. Die fünf Schritte zur Wohnungstür kamen ihr vor wie ein Lauf über glühende Kohlen. Wobei dieser wahrscheinlich weniger schmerzhaft gewesen wäre.

Sie öffnete ihre Handtasche, deren chaotisches Innenleben durch den Sturz keinen Schaden genommen hatte. Eher im Gegenteil. Sie verkniff sich einen undamenhaften Fluch und begann, sich mit der rechten Hand durch Taschentücher, Schminkutensilien, diverse Zettel, Hustenbonbons und andere Wichtigkeiten zu wühlen. Aus den Augenwinkeln sah sie, dass Grahams Schultern verdächtig zu zucken begonnen hatten.

Sie drehte sich zu ihm um und musterte ihn mit aller strengen Würde, die sie zusammenkratzen konnte.

„Sorry, aber das habt ihr Frauen nun wirklich alle gemeinsam.“

„Hahaha“, murmelte sie und zog gleich darauf mit einem triumphierenden „Da ist er doch!“ den Schlüssel aus ihrer Tasche. Sie rammte ihn ins Schloss, ignorierte das protestierende Quietschen beim Drehen und das Schleifgeräusch beim Öffnen der Tür. Mit grimmiger Genugtuung hatte sie kurz Donalds Leidensmiene vor Augen, mit der dieser eine derartige Hektik quittiert hätte.

Endlich in ihrer Wohnung angelangt, ließ sie sich ächzend auf den Garderobenstuhl sinken. Graham nahm ihr Schal und Jacke ab und hängte sie zusammen mit seiner an den Haken. Colleen schlüpfte aus ihrem rechten Schuh und versuchte dann das Gleiche mit dem linken. Doch schon die bloße Berührung verursachte ihr einen stechenden Schmerz. Sie stöhnte auf. Sacht nahm Graham ihren Fuß in die Hand, öffnete vorsichtig das Schuhband und zog das Leder behutsam herunter.

„Kein Wunder, dass dir der wehtut. Er ist ja auch doppelt so dick wie der andere.“

„Na prächtig, dann lauf ich also zukünftig mit Klumpfuß durch die Gegend.“

„Nicht, wenn ich es verhindern kann.“ Er lächelte sie aufmunternd an. „Aber erst machen wir es dir bequem.“ Er hob sie auf, als wäre sie eine Feder, trug sie behutsam ins Wohnzimmer und legte sie auf die Couch. Dann sammelte er einige Kissen ein und bettete den Fuß sanft hinein. Sie fühlte sich wie eine kleine Nachtigall, der ihr Männchen zur Hochzeit ein weiches Nest bereitete. Wohlig seufzte sie.

„Habe ich dir wehgetan?“ Erschrocken sah er sie an.

„Nein, mir geht es schon viel besser. Mein Fuß fühlt sich an, als ob er auf Wolken schwebt.“

„Gut. Dann kommen wir zum nächsten Schritt.“ Er ging zur Anrichte, auf der eine Flasche Whisky stand, holte aus den Fächern darüber zwei Gläser heraus, füllte sie und reichte ihr eins. „Trink das, das wird dir guttun. Slàinte!“

In ihr regte sich leiser Protest und sie öffnete ihren Mund, um Graham Einhalt zu gebieten. Denn eigentlich war sie ja die Gastgeberin, und er konnte doch nicht einfach in ihren Sachen schalten und walten. Obwohl, so fürsorglich war schon lange niemand mehr zu ihr gewesen.

„Slàinte!“, entgegnete sie und nahm einen kräftigen Schluck. Die goldene Flüssigkeit rann angenehm warm ihre Kehle hinunter und transportierte ihr Wohlgefühl schnell auch in die anderen Körperregionen. Colleen kuschelte ihren Oberkörper noch tiefer in die Kissen und betrachtete über den Rand des Glases hinweg ihr Gegenüber. Die Muskeln, die sie bereits während des Konzerts bewundert hatte, zeichneten sich auch durch sein Shirt hindurch eindrucksvoll ab. Sein markantes Gesicht zierte ein Dreitagebart und seine sinnlichen Lippen komplettierten das verheißungsvolle Bild. Ein warmer Schauer rann durch ihren Körper und sie ahnte, dass er nicht nur dem Alkohol zu verdanken war.

„Hast du irgendwo Quark, Handtücher und eine Plastiktüte?“ Grahams Stimme riss sie aus ihren Gedanken.

„Ähm, was meinst du?“

„Wir müssen deinen Knöchel kühlen, damit die Schwellung zurückgeht. Und da wirken Umschläge oft Wunder.“

„Hm, in der Küche, im Kühlschrank müsste noch Quark für Scottish Pie sein. Handtücher hängen neben dem Spülbecken und Plastiktüten findest du im Fach über den Mülleimern.“

Sie hörte das Schmatzen der Kühlschranktür und kurze Zeit später kam Graham mit dem Gesuchten zurück. Er rollte ihr vorsichtig den Seidenstrumpf vom Fuß und ließ ihn auf den Boden gleiten. Dann verteilte er zart die weiße Masse auf ihrem Knöchel. Seine Finger berührten ihre Haut. Heißes Begehren schlängelte sich ihr Bein hinauf und insgeheim hoffte sie, dass seine Hände folgen würden. Sie biss sich bei dem Gedanken auf die Unterlippe. Ihre Wangen glühten. Seit wann ließ sie sich so gehen?

„Mensch, das sieht ja aus wie eine Sahnetorte.“

„Und du bist das Sahnestück.“ Er wickelte sanft das Tuch um den Fuß und zog anschließend die Plastiktüte darüber, um die Kissen nicht zu beschmutzen. „So, das müsste reichen.“ Er trug Quark und Handtücher in die Küche zurück, dann hörte sie den Wasserhahn laufen. Ihre Augenlider wurden schwer, und sie gab dem Drang nach, sie zu schließen.

 

*

 

Graham stand an der Küchentür, das Handtuch in der Rechten, und beobachtete sie. Ihre zarte Verletzlichkeit ließ Gefühle in ihm entbrennen, denen er nur zu gern nachgegeben hätte. Und auch sie war nicht abgeneigt, das spürte er mit dem untrüglichen Instinkt des Jägers. Er ging zum Gefrierschrank, nahm alle Eiswürfel, die er finden konnte, aus dem Fach und ließ eine Handvoll der kleinen Quader in seinen Kragen gleiten. Er fühlte, wie sie seinen Körper entlangrutschten und ihm die nötige Abkühlung verschafften. Zumindest obenherum. Er seufzte und verteilte eine zweite Ladung in seinem Hosenbund. Es war besser so. Dann begann er, sich in der Küche zu schaffen zu machen.

 

*

 

Colleen erwachte durch ein leises Klirren, das sie nicht zuordnen konnte. Sie öffnete die Augen erst vorsichtig, dann schnellten ihre Lider voll freudiger Überraschung nach oben. Donalds heiß geliebte Börsenzeitschriften lagen neben dem Wohnzimmertisch, der sonst nur als repräsentative Ablage genutzt werden durfte. Colleen musste innerlich grinsen, als sie daran dachte, was für ein Gesicht Donald bei diesem Sakrileg machen würde. Auf der Rauchglasplatte standen Teller mit knusprigen Sandwiches, Schüsseln mit Tomaten und Käseröllchen sowie eine Flasche Wein und eine Karaffe mit Wasser.

„Ein kleines Dinner für zwei, damit du wieder zu Kräften kommst.“

Behutsam half er ihr, sich aufzusetzen. Colleen genoss es, dass seine Berührungen etwas länger als nötig dauerten. Sein Sixpack war unter dem leicht feuchten Shirt besonders gut zu erkennen. Sie grinste und sah, wie seine Lippen zu zucken begannen.

„Es gab ein kleines Problem mit den Eiswürfeln“, murmelte er, während er Wasser aus der Karaffe in ein Glas goss.

„Das Problem kenne ich. Die Dinger haben manchmal ein ganz schönes Eigenleben.“ Und nicht nur die, schmunzelte sie in Gedanken.

Graham reichte ihr ein Sandwich und sie biss herzhaft hinein. Erst jetzt merkte sie, wie ausgehungert sie war. Flugs war es verschwunden. Ihre Hand bewegte sich zu der Schüssel mit den Cherry-Tomaten, doch ihre Finger konnten sie nicht erreichen. Graham nahm die Schale, öffnete seinen Mund und warf sich mit einer eleganten Bewegung eine der kleinen Früchte hinein. Colleen merkte, wie ihr vor Erstaunen der Unterkiefer herunterklappte. Sie sah das nächste Wurfgeschoss noch aus den Augenwinkeln, spürte etwas an ihren Lippen und Zähnen vorbeiflutschen und schloss den Mund. Sekunden später merkte sie, wie sich das Tomatenmark auf ihren Geschmacksknospen verteilte.

„Mmm“, stöhnte sie voller Wonne. Dann griff sie selbst in die Schüssel und versenkte eines der roten Geschosse zwischen Grahams Zahnreihen.

„Kennst du dieses Bild mit dem fliegenden Herzen?“

Er schüttelte den Kopf.

„Das Erste, das ich gesehen habe, war in den Baumstamm einer alten Eiche geritzt. Ich versuch mal, es dir nachzubauen.“ Sie nahm ein Käseröllchen, wickelte es auseinander und faltete es zu einem Dreieck. Dann legte sie die Tomate darauf und reichte sie ihm mit den Worten: „Hier, Herz mit Flügeln.“

Graham nahm es in die Hand und betrachtete es eine Weile. Colleen meinte, in seinen Augen einen Anflug von tiefer Traurigkeit zu entdecken, doch dann grinste er sie an und verspeiste das Herz mit einem einzigen Bissen.

„Graham, du Kannibale!“ Sie drohte ihm schelmisch mit dem Zeigefinger.

Der derart Gescholtene griff zu den Sandwiches. „Hier, damit die arme Menschenfrau nicht verhungert.“

Colleen nahm es und zusammen vertilgten sie die restliche Platte.

„Hmmm, war das gut. Das hat schon lange keiner mehr für mich gemacht.“

Er blickte ihr tief in die Augen. „Du hättest es aber verdient.“

Dann beugte er sich zu ihr herüber, sein Gesicht kam näher und näher an das ihre heran, bis nur noch ein Windhauch zwischen ihnen Platz hatte.

Plötzlich ging alles ganz schnell. Das Knallen der Wohnungstür, Schritte im Flur, der Schatten im Rahmen der Zimmertür.

„Colleen, was ist denn hier los?“ Donald stand vor ihnen und musterte abwechselnd Graham und Colleen. Seine Blicke verhießen nichts Gutes. „Du hast Besuch?“ Seine Stimme klang eisig.

Sie starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an. Was machte der denn hier? Er sollte doch eigentlich bei einer Immobilienmaklertagung in London sein. Sie wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, doch Graham kam ihr zuvor. Er erhob sich und ging auf den Eindringling zu.

„Hi, mein Name ist Graham MacShaw. Ich habe Colleen heute auf der Straße gefunden. Sie war gestürzt und hat sich den Knöchel verstaucht. Ich habe sie nach Hause gebracht, ihren Fuß verarztet und ihr dann etwas zum Essen gemacht, damit sie wieder zu Kräften kommt.“ Er sah sein Gegenüber, das um gut einen halben Kopf kleiner war als er selbst, mit einem entwaffnenden Lächeln an.

Donalds Blick wanderte zu Colleen, die spürte, wie ihr die Röte ins Gesicht schoss, als sie vorsichtig ihren verbundenen Fuß ein Stück in die Höhe streckte. Dann zu den Resten auf dem Wohnzimmertisch, nach unten auf den Boden, zu Colleens Seidenstrumpf und seinen Börsenzeitungen, dann wieder zurück zu Graham. Schließlich griff er in die Tasche seines Armani-Anzugs, zog seine Brieftasche heraus, entnahm ein paar Scheine und hielt sie Graham entgegen.

„Deckt das in etwa Ihre Auslagen?“

Grahams Kiefer spannten sich an, als wollte er zu einer harschen Antwort ansetzen.

„Graham, es ist okay. Bitte.“ Colleen hoffte, dass der flehende Unterton in ihrer Stimme ihn davon abhielt, Donald das Geld samt dem protzigen Goldring, den er am Finger trug, in den Rachen zu stopfen.

„Nein. Das ist gegen meine Prinzipien. Jungfrauen in Nöten rette ich grundsätzlich kostenlos.“ Er wandte sich zu Colleen.

„Alles okay bei dir?“

Sie nickte und deutete ihm durch die Bewegung ihrer Augen fast unmerklich den Weg zur Tür. „Ich komme schon klar.“

Graham nickte. „Gut, dann werde ich mich mal auf den Weg machen.“

 

*

 

„Das war ja dann der Klassiker. Der Alte kommt nach Hause und der Lover verarztet gerade seine holde Maid.“ Alastair sog an seiner Pfeife und lachte dreckig.

„Sehr witzig“, grummelte Graham. „Mir ist ja schon viel passiert. Aber der Typ war wirklich ausgesprochen seltsam. Sah aus wie das klassische Spießerwürstchen. Aber die Aktion mit den Scheinen …“

„Na ja, er wollte sich halt bei dem Retter seiner Holden bedanken.“

Graham schüttelte den Kopf. „Nein, so war das nicht. Dazu hat er zu kühl reagiert. Sich überhaupt nicht erkundigt, wie es ihr geht. Kein fürsorgliches Wort, keine tröstende Geste.“

Alastair nahm einen Schluck Ale. „Hm, die Situation war für ihn ja auch durchaus gewöhnungsbedürftig. Er kommt heim und seine holde Maid hat Männerbesuch.“

„Aber er hat nicht wie der klassische Gehörnte reagiert. Eher wie ein Großgrundbesitzer, dessen Eigentum angetastet wurde. Und dazu Colleens Reaktion. Als ob sie solche Verhaltensweisen von ihm nur zu gut kennt.“

Alastair runzelte die Stirn und blies einen Rauchring in die Luft. „Und meinst du, dass er ihr etwas antun würde?“

„Die Bedenken hatte ich auch. Deshalb habe ich noch draußen vor der Tür gewartet. Falls es drinnen laut werden sollte. Aber nichts. Gar nichts.“ Wie um die Lautstärke des Schweigens hinter der Wohnungstür zu untermalen, ertönten fünfmal die Glocken der Kirchturmuhr neben dem Pub.

 

 

Schottland, 18. Jahrhundert

 

Sie hörte die Hörner von Culloden. Waren diese wirklich oder nur in ihren gemarterten Ohren? Brianna wusste es nicht. Ihr Körper fühlte sich an wie ein einziger unendlicher Schmerz. Sie wollte sich aufrichten, doch es gelang ihr nicht. Etwas schloss sich um ihren Hals wie eine erbarmungslose, kalte Hand. Sie war fixiert und hörte das Klirren von Ketten. Über ihren Mund spannte sich ein Stück Stoff, dessen übler Geruch ihr fast den Atem raubte. Sie versuchte, durch ihre geschwollenen Lider die Umgebung zu erkennen, und erstarrte. Um ihre Hand- und Fußgelenke waren eiserne Ringe geschlossen. Ein Stöhnen kam über ihre Lippen. Sie blickte an ihrem Oberkörper hinunter, der von blutigen Striemen bedeckt war, zu ihrer Scham, ihren Beinen, zwischen denen eine Blutlache schimmerte. Sie schloss die Augen.

Dann das Quietschen von Scharnieren, das Öffnen einer Tür. Sie hörte schwere Stiefel, die den Raum betraten, immer näher kamen, ihr grob in die ungeschützte Flanke stießen.

„Endlich aufgewacht, tràill?“

Es war die Stimme, die ihr das Blut in den Adern gefrieren ließ. Die Stimme von Torturer, ihrem Herrn und Gebieter.

Er ging zu der Felswand, in die ein Rad eingelassen war. Von dort führten metallene Seile erst zur Decke und dann, wie sie panisch erkannte, zu den Ringen an ihrem Körper. Er begann, am Rad zu drehen. Langsam wurden ihre Glieder in die Höhe gezogen. Schmerz fuhr ihr durch Hals, Arme und Beine, es fühlte sich an, als würde sie auseinanderreißen. Als sie in Höhe seiner Lenden über dem Boden hing, stoppte er das Rad. Er ging zu ihr, beugte seinen Kopf über sie, sah ihr direkt in die Augen. Sein nach Fisch stinkender Atem brachte sie zum Würgen.

„Du wolltest also vor mir fliehen?“

Sie versuchte, etwas zu entgegnen, aber der Knebel in ihrem Mund erlaubte nicht mehr als ein Gurgeln. Brutal riss er den dreckigen Lumpen hinunter. Sie schnappte nach Luft, verschluckte sich, hustete. Speichel lief ihr aus dem Mund.

„Was meintest du?“

Doch sie brachte nur ein unverständliches Stammeln hervor.

„Du willst es wohl nicht anders.“

Wieder seine Schritte, diesmal trat er hinter sie. Das Nächste, was sie hörte, war das Sirren der Peitsche, die auf ihre ungeschützte Blöße niederging. Einmal, zweimal, fünfmal. Mit jedem Schlag schrie sie lauter. Zehnmal, fünfzehnmal. Sie spürte, wie ihre Haut in Fetzen riss. Zwanzigmal, fünfundzwanzigmal. Endlich ließ er von ihr ab.

Er beugte sich abermals über sie.

„Was meintest du?“

Sie schluchzte. „Ich bin bereit, Mylord.“ Dann verlor sie das Bewusstsein.

 

 

Schottland, 21. Jahrhundert

 

„Hey Graham, ist das nicht deine holde Maid? Ich glaube, sie braucht dringend deinen rechtlichen Beistand.“

Graham sah Alastair verständnislos an.

„Na hier, in der Zeitung.“

Graham riss ihm das Papier aus der Hand.

 

Edinburgher Unternehmer unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommen.

Gestern gegen fünf Uhr morgens ist der Immobilienmakler Donald Carbadair bei einem Sturz aus dem Fenster ums Leben gekommen. Die genaueren Umstände sind noch nicht bekannt. Dringend tatverdächtig ist jedoch seine Frau, die als seine Alleinerbin sein nicht unbeträchtliches Vermögen erben soll. Colleen Carbadair ist derzeit nicht auffindbar, nach ihr wird gesucht.

 

Graham starrte auf die Buchstaben, versuchte, ihnen einen Sinn zu geben.

„Das kann doch nicht sein. Als ich den Typen gesehen habe, war er noch sehr lebendig. Und draußen vor der Tür hab ich auch nichts von einem Streit oder Kampf mitbekommen.“ Tiefe Sorge um Colleen durchflutete seinen Körper. Was wurde da für ein falsches Spiel gespielt? „Sie war viel zu schwach, hätte Donald niemals hinausstoßen können. Schon gar nicht mit ihrem verletzten Fuß. Sie konnte ja nicht mal auftreten, jede Berührung tat ihr höllisch weh.“

„Kann es nicht sein, dass sie dir was vorgespielt hat?“

Graham dachte daran, wie er Colleens Fuß vorsichtig mit Quark eingeschmiert hatte. Wie sie trotz aller Vorsicht bei seiner Berührung zusammengezuckt war. Die Haut rund um die verletzte Stelle war unnatürlich heiß gewesen und er hatte ein deutliches Pochen spüren können. „Glaub ich nicht, der Knöchel war sehr stark angeschwollen. Das kann sie nicht spielen.“

Im Hintergrund war das Schnarren von Kameras zu hören. Alastair blickte zum Fernseher in der Ecke des Raums. „Sieh mal an, im Fernsehen ist sie auch schon.“

Wie von der Tarantel gestochen wandte Graham seinen Kopf in die Richtung des Gerätes. Ein Reporter in schlecht sitzendem Anzug hielt einem Polizisten ein großes Mikrofon vor die Nase. Hinter den beiden drängelten sich Schaulustige um die besten Plätze und auch die unvermeidlichen In-die-Kamera-Winker waren vor Ort.

 

… auffällig ist, dass das Gesicht des Toten sehr stark in Mitleidenschaft gezogen wurde. So, als ob ihn der Täter oder die Täterin vorher mit einem harten Gegenstand bearbeitet hat.

 

Es wurde ein Bild der am Boden liegenden Leiche – natürlich mit Abdeckplane darüber – eingeblendet.

 

Wir haben in der Wohnung auch einen Kricketschläger gefunden, der Blutspuren des Opfers und die Fingerabdrücke der Witwe aufweist.

 

Ein Bild von Colleen, die mit triumphierendem Gesichtsausdruck einen Kricketschläger schwenkt.

„Verdammte Effekthascherei!“ Graham knurrte wie ein gereizter Wolf. „Fehlt nur noch, dass sie Blut auf den Schläger retuschieren.“

Der Sprecher nannte noch weitere Details – Körpergröße, schwarzes Haar, braunen Augen – gefolgt von dem unvermeidlichen Satz:

 

Wenn Sie sachdienliche Hinweise haben, rufen Sie bitte die unten eingeblendete Nummer an.

 

„Ich weiß nicht.“ Grahams detektivischer Ehrgeiz, der ihm als Anwalt schon oft gute Dienste geleistet hatte, war geweckt. „Irgendetwas ist merkwürdig an dem Szenario.“

Er griff nach Stift und Serviette, die auf dem Tisch lagen. Dann skizzierte er mit wenigen Strichen Colleens Haus und setzte davor zwei Kreuze.

„Die Wohnung ist im zweiten Stock. Angenommen, es ist ihr gelungen, ihre Schmerzen zu unterdrücken. Auch dann kann sie ihn kräftemäßig, wenn überhaupt, nur aus dem Fenster geschubst haben.“

Er zog eine Linie zwischen dem Kreuz, das sich näher an der Hausfassade befand, und dem Fenster im zweiten Stock.

„Da, wo der Typ gefunden wurde, musste er jedoch in hohem Bogen hinausgeworfen worden sein.“

Er zog eine Linie zu dem weiter entfernt liegenden Kreuz.

„Und dass er vielleicht noch ein Stück gekrochen ist?“

Irgendwie gefiel Graham der Gedanke, dass der ihm gegenüber so hochmütig aufgetretene Donald seine letzten Sekunden im Dreck kriechend verbracht hatte. Doch war dies weder die Zeit noch der Ort, sich kleinlichen Rachefantasien hinzugeben. „Spekulationen bringen mir gar nichts, Alastair. Ich muss mir den Tatort selbst anschauen.“

„Genau.“ Der Pirat tippte sich mit dem Zeigefinger an die Stirn. „Und du willst da einfach so hinspazieren, über die Absperrungen ein fröhliches ‚Hallo, hier bin ich‘ in die Runde werfen und den großen anwaltlichen Ermittler rauskehren. Und wenn alles gut läuft, erkennt dich noch irgendein übereifriger Anwohner und steckt den Cops, dass du gestern mit der mutmaßlichen Täterin zusammen warst.“

Alastair hatte natürlich recht mit seinen Bedenken. Die Gefahr war durchaus gegeben. Aber Grahams innere Stimme, die ihn schon öfter in Schwierigkeiten gebracht hatte, bestand darauf, dass er sein Vorhaben in die Tat umsetzte. Er ging auf Alastair zu und machte Anstalten, ihn zur Seite zu schieben, falls dieser sich ihm in den Weg stellen wollte. „Ich muss da hin! Und du wirst mich nicht davon abhalten!“

Alastair blickte ihn mit seinem offenen Auge an. „Na dann komm, bevor es gar nichts mehr zu sehen gibt.“

Sie machten sich mit dem alten Morris des Piraten auf den Weg zu Colleens Haus. Schon aus der Ferne waren die blinkenden Blaulichter der Polizeiautos und die Fahrzeuge der Presse zu erkennen. Auch einige Schaulustige waren darunter, allerdings nicht mehr so viele wie noch im Fernsehen. Das makabre Spektakel neigte sich seinem Ende zu. Alastair parkte das Auto in einer Nebenstraße. Sie stiegen aus und gingen die paar Schritte bis zur Kreuzung. Der Pirat blickte die Straße entlang zu Colleens Haus. „Dachrinne an Dachrinne, das müsste gehen.“

Er trat einen Schritt zurück in den Schutz einer dicht belaubten Eiche und hob seine Augenklappe ein Stückchen an. Graham konnte erkennen, wie der darunter liegende Augapfel rot zu pulsieren begann. Ein Anblick, der zufällige Beobachter in Angst und Schrecken versetzt hätte, für ihn jedoch Gewohnheit war. Dann löste sich der kleine Ball aus der Augenhöhle, schoss wie eine Pistolenkugel unter der Klappe hervor und flog innerhalb eines Sekundenbruchteils zu der Dachrinne des ersten Hauses. Alastair grinste. „So, die Kamera ist einsatzbereit.“ Er drehte seinen Kopf langsam immer weiter in Richtung Tatort und Graham wusste, dass er jetzt nichts tun konnte, außer geduldig zu warten.

Er ging ein paar Schritte näher an die Menschen heran und konnte ganz deutlich die schrille Stimme einer alten Frau hören. „Die hat gestern Abend noch Herrenbesuch gehabt! Ich habe gesehen, wie die sich schon vor dem Haus umarmt haben. Das war ein ganz seltsamer Typ.“

Der Polizist, der ihr gegenüberstand, entgegnete etwas, das Graham jedoch nicht verstand.

„Ist doch klar, dass die Leute ihn nicht gesehen haben. Die sehen ja nie was. Scheren sich nicht um die anderen, nur um sich selbst.“

Wieder sprach der Polizist.

„Wie der ausgesehen hat? Wie ein Stadtstreicher. Mit langen, zotteligen Haaren und so einer seltsamen Kutte.“ Sie fuchtelte beschreibend mit ihren Händen vor dem Gesicht des Cops auf und ab. „Ob ich den wiedererkennen würde? Ganz bestimmt. Allein schon die stechenden Augen. Wie bei diesem englischen Frauenmörder. Der, der damals diese Straßenflittchen ermordet hat.“ Sie ging noch einen Schritt näher an den Polizisten heran. „Ich komme auch gern mit aufs Revier zu Ihren netten Kollegen. Sie sind aber neu hier, junger Mann?“

Graham hatte genug gehört. Er drehte sich betont gemächlich um, ging ein paar Schritte die Straße entlang und dann um die Ecke außer Sichtweite. Die Polizei suchte also jetzt eine Mischung aus Catweazle und Jack the Ripper. Er grinste. Die Alte war ein Geschenk des Himmels.

Er hörte Schritte auf sich zukommen und zuckte kurz zusammen. Doch es war nur Alastair, der seine Spähmission beendet hatte. Der rote Schimmer des Auges war unter dem Stoff der Klappe noch zu erkennen, wurde aber immer schwächer.

„Komm, lass uns fahren. Es gab einiges zu sehen.“

 

Zurück im Pub gingen die beiden auf direktem Weg ins Hinterzimmer.

„Nun zeig schon her, was hast du gesehen?“

Alastair schob die Augenklappe nach oben und die Linse der Iris begann zu pulsieren. Diesmal allerdings nicht in Rot, sondern in den Farben des Regenbogens. Allmählich verfestigte sich das Bunte zu Formen und Graham konnte die Straße von Colleens Haus erkennen. Von der Vogelperspektive auf der Dachrinne aus zoomte das Bild immer näher zum Tatort.

Der Tote war nicht mehr zu sehen, hatte wohl schon längst seinen Weg in die Rechtsmedizin gefunden. Die Kreidestriche, mit denen die Umrisse des Körpers markiert worden waren, waren jedoch noch gut zu erkennen.

„So sieht man’s noch besser als im Fernsehen“, murmelte Graham. „Er muss wirklich im hohen Bogen geflogen sein.“

Nachdenklich deutete er mit dem Zeigefinger auf die Kreidestriche. Auf einmal spürte er, wie Alastair seinen Finger nach hinten schob. „Wenn du gestattest, wäre ich dir sehr dankbar, wenn du nicht direkt vor meinem Auge herumstochern würdest. Du weißt, es ist äußerst sensibel. Wir wollen doch nicht, dass es einen Filmriss hat.“

„Mimose“, murmelte Graham und überlegte, ohne den Finger zu bewegen, weiter.

„Die Entfernung spricht zumindest schon mal dafür, dass er sich nicht selbst herausgestürzt hat. Denn dazu hätte er einen ziemlichen Anlauf nehmen müssen und das war bei dem Schnitt des Wohnzimmers und der Möblierung kaum möglich.“

Er zog den Finger zurück.

„Aber sie spricht, wie gesagt, auch gegen Colleen als Täterin. Denn sie hat ja unzweifelhaft den dicken Knöchel.“

„Und wenn sie ein starkes Schmerzmittel genommen hat?“, spielte Alastair den Advocatus Diaboli.

„Dann könnte es aber auch sein, dass sie in Notwehr gehandelt hat. Dass Donald ausgetickt ist und sie bedroht hat.“

Sie beobachteten weiter den Weg des Auges, dessen Fokus sich inzwischen auf Höhe des Fensters richtete.

„Das Glas ist noch ganz.“ Graham kratzte sich am Kinn. „Das könnte für eine geplante Tat sprechen. Denn nachts hatte es geregnet und warm war es auch nicht gerade. Und als ich gegangen bin, war es definitiv geschlossen. Der Täter hat es geöffnet, um bei der Tat die Wohnung nicht unnötig zu versauen. Und das Brechen von Glas macht doch mehr Lärm als ein Sturz durchs offene Fenster.“

„Das würde aber deiner holden Maid das Argument der Notwehr verbauen.“

Normalerweise genoss Graham diese Gedankenspiele mit Alastair, in denen der Pirat oftmals seine Theorien zu widerlegen versuchte. Doch diesmal wünschte er, dass sein Gegenüber nicht so zielsicher genau in den Punkten einhaken würde, die auch für ihn selbst unsicher waren. „Ich weiß nicht, was ich glauben soll.“ Er nahm einen Schluck Ale und stellte dann das Bierglas mit einer harten Bewegung auf dem Tisch ab.

„Bisher ist alles nur Spekulation.“

Der Film zeigte den Weg durch das wohl zum Lüften gekippte Fenster, dann das Wohnzimmer.

„Sieht auf den ersten Blick aus wie vorher.“ Graham kniff seine Augen zusammen wie ein Luchs, der nach Beute spähte. „Aber warte mal, hier steht ein Glas neben Colleens Couch, das war ganz bestimmt noch nicht da, als ich gegangen bin. Kannst du das mal vergrößern?“

Alastair zoomte auf das Glas, bis dieses den gesamten Fokus ausfüllte.

„Hier erkenne ich eindeutig Lippenstift. Es muss von Colleen gewesen sein.“ Er hatte wieder ihr Gesicht vor Augen, wie sie mit glühenden Wangen und feuchten Lippen die fliegende Cocktailtomate in ihren Mund aufnahm. Das Weiß ihrer Zähne, das das Rot der Frucht noch stärker zur Geltung brachte. Wie schon gestern, musste er sich auch jetzt zusammenreißen. Wie sehr wünschte er sich, dieses perfekte Kunstwerk zu küssen. Er räusperte sich. „Was mich wundert, ist, dass die Spurensicherung das nicht mitgenommen hat.“

Alastair nickte. „Ich schätze, die sind mal wieder total überlastet. Wahrscheinlich haben die Cops die Wohnung versiegelt und die Sicherer waren noch gar nicht da.“

„Möglich. Denn wenn Colleen nach dem Mord noch mal wiedergekommen wäre und noch schnell ein Glas Was-auch-immer getrunken hätte, wäre sie entweder reichlich blöde – oder extrem selbstsicher.“

Das Auge glitt nun durch das Zimmer, in Ecken und hinauf zu Schrankflächen, zwischen Regalfächer, in Hohlräume und hinter diverse Gegenstände. Doch es zeigte nichts Verdächtiges.

Dann fuhr es durch die angelehnte Tür ins Schlafzimmer. Den Raum, den Grahams in den Lenden pochendes Verlangen so gern auf eine andere Weise kennengelernt hätte. Das Doppelbett in der Mitte bestand aus einem metallenen Gestell und blütenweißer Bettwäsche. „Sehr einladend“, murmelte er. Der einzige Farbtupfer war das geblümte Kopfkissen auf der rechten Seite des Bettes. „Moosröschen.“ Er spürte, wie ihm die Erinnerung an den Duft ihres grünen Schals in die Nase drang. So intensiv, als stünde sie vor ihm. Als gäbe es keinen toten Donald und keine verschwundene Colleen.

Das Auge zeigte Bilder der Nachttische. Auf dem linken stand nur eine stählerne Lampe. Eine von denen, deren Licht nicht die Wärme des Sonnenscheins widerspiegelte, sondern das kalt war wie Eis. Oder wie Donalds Augen. Colleens Lampe hingegen hatte einen Schirm, der ebenfalls mit den zarten Blümchen verziert war.

Das Auge glitt weiter Richtung Wand am Kopfende des Bettes. Ein Bild erschien im Fokus. Eine Landschaft mit einem See und einem Wasserfall. Doch es war keines der romantischen Kitschbilder, die Stimmung war düster. So düster, dass es Graham einen kalten Schauder über den Rücken jagte. Und auch der Rahmen wirkte nicht leicht und verspielt wie bei Landschaftsbildern üblich. Er erinnerte ihn an die Stäbe eines Gefängnisses. Und trotzdem hatte er das Gefühl, dass er Colleen an diesem Ort finden würde. Denn er kannte den Platz auf dem Bild nur allzu gut. Er war selbst schon dort gewesen. In einem Leben, das ihm so weit weg schien, wie die Sterne des Universums. Er nahm die restlichen Aufnahmen nur noch wie durch einen Nebel wahr. Alles war von dem Bild des Sees überlagert.

Als der Film zu Ende war, sprang er auf und packte seine Jacke. Auf Alastairs fragenden Blick entgegnete er: „Ich muss zum See.“

Alastair erhob sich ebenfalls. „Das hab ich mir gedacht. Du hattest den Blick eines Kaninchens, das von einer Schlange hypnotisiert wird.“

„Wenn ich Colleen irgendwo finde, dann dort.“

Der Pirat fasste ihn am Arm. „Hältst du das für eine gute Idee? Nicht, dass du den Cops in die Arme läufst. Denn die werden den Bekanntenkreis von Colleen durchleuchtet und so vielleicht auch schon von dem See erfahren haben.“

Graham schüttelte ungeduldig Alastairs Hand ab. „Wie ich dir bereits im Auto erzählt habe, suchen die Cops derzeit noch nach einem Gemisch aus einem alten Hexenmeister und einem Massenmörder.“

„Und wenn sich noch andere Zeugen gemeldet haben? Weitere Nachbarn, Gäste aus dem Pub oder nächtliche Spaziergänger?“

„Das Risiko muss ich eingehen.“ Er griff nach seiner Jacke und eilte zur Tür.

Alastair ging ebenfalls zur Garderobe, doch Graham winkte ab. „Bleib du bitte hier, falls sie zwischenzeitlich im Pub auftaucht. Und außerdem bringt es nichts, wenn sie uns beide erwischen – falls sie uns erwischen.“

Der Pirat öffnete den Mund zu einer Erwiderung, doch Graham war draußen, bevor er etwas entgegnen konnte.

 

 

Schottland, 18. Jahrhundert

 

Wieder dieser unendliche Schmerz. Brianna wusste nicht, wie lange sie dort gehangen hatte. Sie wusste nur, dass das, was danach kommen würde, noch weitaus schlimmer werden würde.

Wieder die Tür, die unausweichlich das Nahen ihres Peinigers ankündigte. Er trat an sie heran und betrachtete sie mit zusammengekniffenen Augen. Sie spürte seine Hand auf ihrer Brust, zwischen ihren Schenkeln, seine Finger bahnten sich derb den Weg in ihr Inneres. Sie stöhnte vor Schmerzen.

„Na, scheint dir ja doch zu gefallen.“

Er ging zu dem Rad in der Mauer und löste die Fixierung, sodass sie unsanft zu Boden stürzte.

„Steh auf, oder soll ich dir Beine machen!“

Zitternd versuchte sie, sich zu erheben, strauchelte und wurde von ihm an den Haaren grob emporgerissen.

„Du faules Stück!“ Seine schmutzige Pranke schlug in ihr Gesicht. Blut rann aus ihrer Nase. Er löste die Ketten von den Ringen und befestigte eine andere um ihren Hals.

„Los, beweg dich!“

Er stieß sie durch die Tür, die Stufen hinauf. Sie versuchte verzweifelt, mit ihm Schritt zu halten, aber es gelang ihr nicht. Sie stolperte, stürzte. Er packte sie, zerrte sie mit der Kette wie einen Hund über den dreckigen, kalten Boden.

Sie näherten sich einer weiteren Tür. Sie vernahm leise Stimmen, gemischt von Männern und Frauen. Torturer öffnete die Tür, stieß sie in den Raum. Sie erstarrte. Sie war an dem Ort, vor dem sie sich immer gefürchtet hatte. Im Markthaus der Sklavinnen.

 

 

Schottland, 21. Jahrhundert

 

Eine Ameise krabbelte über ihr Gesicht, bahnte sich ihren Weg von ihrem Kinn über die Lippen zu ihrer Nase, verweilte kurz auf ihrem rechten Nasenflügel, lief dann weiter zu ihrem Augenlid, von dort zum Ohr und schließlich zu ihrem Haaransatz. Andere liefen kreuz und quer über ihre Arme und Beine. Die Stellen juckten, doch Colleen wagte nicht, sich zu bewegen. Zu groß war ihre Angst, dass sie die Aufmerksamkeit der Gestalt, die auf sie zukam, auf sich zog. Es war ein Mann von hochgewachsener Statur. So viel konnte sie aus der Ferne erkennen. Er kam näher und die Bewegungen seines Kopfes ließen vermuten, dass er etwas suchte. Sie! Körperbau und Gang kamen ihr bekannt vor. Sie wirkten vertraut, obwohl sie ihn erst kurze Zeit kannte. Graham! Ihr erster Impuls war aufzuspringen und ihm entgegenzulaufen, sich in seine starken Arme fallen zu lassen. Ihr Herz raste vor Sehnsucht nach seiner Berührung und das Beben setzte sich in gleichmäßigen Wellen in ihrem ganzen Körper fort. Es gelang ihr gerade noch, ein lustvolles Stöhnen zu unterdrücken. Reiß dich zusammen! Du weißt ja gar nicht, warum er hier ist. Was, wenn er dich im Auftrag der Mörder sucht? Also hör endlich auf, dich wie eine rollige Katze zu benehmen und schalte dein Hirn wieder ein! Colleen seufzte lautlos. Denn sie wusste, dass ihre innere Stimme – objektiv betrachtet – recht hatte.

Dann rissen sie Wortfetzen aus ihren Gedanken. „Da ist er!“ … „Halt, stehen bleiben!“ … „Ihm nach!“ … „Sie haben keine Chance, wir kriegen Sie!“

Sie riss die Augen auf, erkannte, wie Graham auf die Klippe zurannte, ihm dicht auf den Fersen vier Uniformierte. „Nein! Nicht dorthin!“, wollte sie schreien und presste sich gerade noch rechtzeitig die Hand auf den Mund. Denn es gab für ihn keinen anderen Ausweg mehr.

Er war noch zehn Schritte von der Klippe entfernt, fünf, einen … er hob den linken Fuß, stieß sich mit dem rechten ab und sprang in die Tiefen des Sees. Sie sah seinen Körper nach unten stürzen, schier endlos in der Luft, dann prallte er auf das Wasser, das sich mit unzähligen Tropfen nach oben ergoss und ihn dann in sich aufnahm. Sie wartete voll banger Hoffnung und mit angehaltenem Atem, dass sein Kopf wieder an der Oberfläche erschien. Sie merkte, dass ihr schwindlig wurde, und sog die Luft ein wie eine Ertrinkende. Doch er tauchte nicht mehr auf. Colleen nahm wie durch einen Nebel die vier Verfolger wahr, die erst vom Rand der Klippe nach unten starrten, dann den schmalen Pfad hinuntereilten und begannen, das Ufer abzusuchen. Später kamen weitere Menschen hinzu, Uniformierte, Zivile und Gestalten in Taucheranzügen. Sie suchten und suchten, doch Graham blieb verschwunden.

Ein Polizist entfernte sich und kam kurze Zeit später mit langen Stangen zurück. Er und seine Kollegen begannen, im See herumzustochern. Keine Spur von dem Vermissten. Plötzlich stieß einer der Suchenden, der Statur nach der Jüngste von ihnen, einen Schrei aus, und deutete aufgeregt auf seinen Stock, an dessen Ende etwas Undefinierbares hing. Die anderen eilten zu ihm, nahmen das Fundstück hinunter und schütteten das Wasser aus. Es war ein Stiefel. Er war fleckig von der Nässe, aber Colleen erkannte ihn eindeutig als den, den Graham am letzten Abend bei ihr getragen hatte. Ihr Mörder!, schrie es in ihrem Inneren. Ein Älterer redete auf den Jungen ein. Dieser gestikulierte erst abwehrend, zog dann jedoch Schuhe und Socken aus, krempelte seine Hosenbeine hoch und ging, vorsichtig einen Schritt vor den anderen setzend, ins Wasser. Die Übrigen standen da, die Hände an den Pistolenhalftern, und trieben ihn zur Eile an. Colleen hätte fast Mitleid mit ihm gehabt, wenn er und seinesgleichen nicht der Grund für Grahams Verschwinden gewesen wären. Der Junge tastete sich zu der Stelle vor, wo er den Schuh aufgespürt hatte. Nichts. Wie ein begossener Pudel kam er mit eingezogenem Kopf zurück ans Ufer, ein zitterndes Häufchen Elend.

Als es dunkel wurde, machten sich die Polizisten auf den Rückweg. „Der wird wohl in einen der unterirdischen Strudel geraten sein.“ … „Der Sergeant wird toben, wenn der Typ vor unseren Augen abgesoffen ist.“ … „Sollen wir die Frau noch suchen?“ … „Nein. Ich glaube auch gar nicht, dass sie da ist. Das war wohl wieder so ein falscher Tipp von einem, der sich wichtigmachen wollte. Denn sie wäre bestimmt voller Sorge um ihren Lover aus dem Versteck gerannt. Die Weiber reagieren in solchen Situationen immer sehr emotional und kopflos.“ … „Jaja, wenn die Hormone tanzen …“

Colleen sah den sich entfernenden Männern nach. Es begann zu regnen, Feuchtigkeit drang durch ihre Kleider, drohte, sie von innen aufzufressen. Doch sie harrte noch bis kurz vor Mitternacht aus, bevor sie sich im Schutz der Dunkelheit aus ihrem Versteck herauswagte. Sie streckte ihren Oberkörper, ihre Wirbelsäule schmerzte von der zusammengekauerten Haltung, schüttelte ihre Arme, um das Blut zirkulieren zu lassen. Dann spannte sie erst die Muskeln ihres gesunden Beins an und stemmte sich mithilfe ihrer Arme langsam in die Höhe, stets ängstlich darauf bedacht, nicht mit dem verletzten Fuß den Boden zu berühren. Nur gut, dass sie regelmäßig ihr Fitnessprogramm durchgezogen hatte. Donald hatte zwar immer über ihre Liegestütze gelästert, sie als Nonsens bezeichnet, der nur ihre zarte, weibliche Figur ruinierte. Ihre Figur der Hilflosigkeit, die er am liebsten an ihr sah. Aber die Zeiten waren jetzt endgültig vorbei.

Entschlossen biss sie die Zähne zusammen und bewegte das verletzte Bein vorsichtig in Richtung Boden. Sie ließ den Fuß über dem Moos kreisen, wie ein Vogel mit gebrochenem Flügel, ängstlich den Kontakt mit dem Untergrund vermeidend. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt! Sie setzte den Fuß behutsam auf. Der Schmerz war erträglich, nicht mehr messerscharf wie beim Sturz, sondern eher wattig-dumpf. Der Sturz. Grahams Rettungsgriff, seine Berührung, die sie erschaudern ließ vor glühender Erregung. Schon der Gedanke daran erfüllte sie mit süßer Pein. Einer Pein, die er nun nicht mehr lindern konnte. Nie mehr. Tränen drängten sich in ihre Augen, sie blinzelte, bis der Damm brach und sie sich mit dem Regenwasser auf ihren Wangen vermischten. Trotzig wischte sie sich mit ihrem Ärmel über die Augen, um den Schleier zu vertreiben. Sie konnte nicht ewig hierbleiben, zumindest, wenn sie nicht den Kältetod sterben wollte. Vorsichtig bemüht, das Bein so wenig wie möglich zu belasten, hinkte sie aus ihrem Versteck. Doch die paar Schritte verlangten ihr schon fast mehr ab, als sie verkraften konnte. Am liebsten hätte sie sich einfach hingelegt und alles dem Schicksal überlassen. Zu allem Überfluss stieß sie auch noch mit ihrem verletzten Fuß gegen einen Holzstock. Wieder ein stechender Schmerz, der über den wattig-dumpfen triumphierte. Sie starrte auf das zu spät entdeckte Hindernis. Eine Idee mäanderte sich in ihre aktive Gehirnhälfte. Sie bückte sich vorsichtig und hob den Stock auf. Er war lang und fühlte sich stabil genug an, um ihr Körpergewicht zu stützen und so ihren Fuß zu entlasten.

Colleen überlegte. Wohin sollte, wohin konnte sie gehen? Die Kälte, die durch ihren Körper kroch, stammte nicht nur von der Nacht. Sie war die Begleiterin von Angst und Leere. Angst, weil sie nicht wusste, wie es weitergehen sollte. Weil sie jederzeit damit rechnen musste, entdeckt zu werden. Gefunden, verhaftet, und was dann?

Wer würde ihr glauben?

 

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